,Menschlichkeit und Moral – alles andre ist egal‘, lautet der Refrain eines Raps am Theaternachmittag in der Kulturgießerei. Wie man mit dieser inneren Haltung interkulturelles Theater auf hohem Niveau macht, zeigte die international zusammengesetzte Gruppe Jugendlicher unter der Leitung der Theaterpädagogin Wahiba Megdad vor allem in ihrer Romeo-Julia-Adaption eindrücklich: indem sie nämlich diesen tausendfach gespielten und gecoverten Stoff mit so viel authentischer Energie und Humor auf die Bühne brachte, dass ein neues, fesselndes Stück entstand.

 

Ein deutsches Mädchen ist Julia, ein zugewanderter Junge Romeo. Nachdem sie sich von ihren Familien anhören mussten, dass ihre Liebe nicht akzeptiert werde, fliehen sie und kommen dabei durch verschiedene Länder:

Ägypten, wo eine sagenhafte Bauchtänzerin auftritt, geflankt von zwei ebenfalls tänzerisch begabten jungen Männern;

Syrien, wo Shisha geraucht und orientalische Folklore getanzt wird(atemberaubend!);

Bayern, wo zu deutscher Volksmusik geschunkelt  und ,Madl host no a Bier‘ gerufen wird, beides insbesondere auch von den zugewanderten Jugendlichen;

und ganz am Ende Berlin, wo ihnen sinngemäß mitgeteilt wird: ,nein nein, keine Sorge, ihr seid nicht direkt in Deutschland, ihr seid in Berlin, das ist was anderes, da leben Türken, Araber, Spanier, Russen usw  friedlich zusammen, achso, und Deutsche natürlich auch (Gelächter). Dort heiraten sie dann, begleitet von sowohl deutschen (Hochzeitsmarsch) als auch orientalischen Riten und Musikstücken, wie zum Beispiel dem sehr bewegenden arabischen Gesang eines Mädchens.

Wunderbar war es zu sehen, zu hören und zu fühlen, wie beide Kulturen, die unsrige und die orientalische, zur Geltung kamen und im wahrsten Sinne gefeiert wurden.

 

Zugewanderte junge Menschen, deren Ursprungskultur in solchem Ausmaß Raum, Bühne und Wertschätzung zuteil wird, eingebunden in ein vorwiegend deutschsprachiges Theaterprojekt: Die Hoffnung, dass diese Menschen sich mit Deutschland anfreunden werden, ist mit Händen zu greifen. Wie schade, dass die Ablehnenden und Ängstlichen unter uns sich ein solches Theaterstück vermutlich gar nicht erst ansehen. Womöglich würde es den einen oder die andere ins Nachdenken bringen.

 

Charlotte Besserer
Musikerin, Tanz- und Theaterpädagogin

 

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